Zum Mitnehmen, bitte… (oder „darf’s etwas weniger sein?“)

 

Der Umbau eines 150/750 Volltubus-Newton (Celestron C6-N) in ein Reise-Dobson

von Sudan Jackson

 

Hallo Leute, 

ich wollte schon seit längerer Zeit einen Bastelbericht über meinen 6“ Reisedob schreiben – irgendwie bin ich vor lauter Arbeit gar nicht mehr dazu gekommen.  Nun ist es so weit - ich nehme mir einfach zu Zeit und halte hier fest, wie ich mein Celestron C6-N in ein 3-Stangen Reisedobson umgewandelt habe.

Hier ist es also, das kleine Teleskop Scope:

Der Winter war in voller Fahrt, die Reiseprospekte bereits durchgearbeitet und eine Buchung für die Familenreise in die Türkei war komplett unter Dach und Fach.  Da war mir klar, dass ich unbedingt ein Teleskop mitnehmen muss.  Vor Allem stand ich vor den selben Fragen wie die meisten von uns: preiswert soll’s sein, farbrein, Deep-Sky-tauglich, möglichst viel Öffnung, ohne viel Mühe zu transportieren, eine ordentliche Nachführung (ich meine damit nicht unbedingt elektronisch, sondern dass das Teleskop leicht, ohne Ruckeln, Wackeln, Zittern bewegt und fokussiert werden kann), und so weiter, und so fort…   Ich habe einen 80/400er mit einem garnichtsoschlechten Tischstativ von TS.  Das Ding nehme ich auch gelegentlich mit auf „Business-Trips“ wo man durchs Hotelfenster hin und wieder was spechteln kann.  Aber mit aller Liebe die ich für das kleine Teleskop entwickelt habe, 80mm Öffnung sind halt 80mm Öffnung.  Der 80/400er ist ja so ähnlich wie ein Großfernglas, also das kam für mich nicht in Frage.  900 Teuros für ein Hofheim waren mir einfach viel zu viel, aber das Design gefiel mir sehr gut.  Da habe ich die Idee gehabt, mein Celestron einfach umzubauen. 

Es war schon eine sehr große Herausforderung, denn ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt nur ein mal mit dem Teleskopbau experimentiert in dem ich ein Tschibo-Newton (76/700) in ein Gitterrohr-Dobson verwandelt habe.  Das war aber nicht so die „hohe Kunst“, denn die Optik war mir mehr oder weniger egal, das Ding ist extrem klein und war von mir eher als Gag gesehen.  Nun wurde es aber ernst mit dem 6“er.  Die Optik der Celestron ist gar nicht so übel und es wäre eine Schande gewesen, hier etwas Unbrauchbares zu machen.  

Vor Allem war es mir sehr wichtig, ein Teleskop hinzukriegen was nicht nur richtig funktioniert, sondern eins was gut aussieht und zusammengesteckt dann eine „Einheit“ bildet wo man nicht so viel außerhalb der Box mitschleppen muss.  Ich hatte sehr viele schöne Reisedobsons im Internet gesehen, nur was mich an denen Meistens störte war, dass sie oft mit irgendwelchen Bändern zusammengehalten wurden.  Nein – für mich war es 100% klar, dass mein Reiseteleskop nicht wie ein Teleskop aussehen würde wenn es zusammengebaut ist.  Ich habe mich daher stark an das Kofferdesign des Hofheim-Dobsons orientiert und die Einzelteile so gebaut, dass sie ziemlich genau in einander passen und mit Schrauben dann dicht gemacht werden. 

Folgende „Features“ bietet das Reisegerät:                             

Hauptspiegelhalterung und Fangspiegelspinne des Original Teleskops können Problemlos im Reisedob oder im Originaltubus eingesetzt werden – also „plug and play
Der Aufbau kann ohne „richtige“ Tools erfolgen– man braucht nur die Ikea-üblichen Sechkantschlüssel
Das Teleskop hat ein geringes Gesamtgewicht und die gültigen Maße für Handgepäck werden nicht überschritten
Mein ganzes sonstiges Zubehör kann in der Box untergebracht werden (Rotlichtlampe, Okus, Kompass, etc.)
Die Höhenräder werden ganz einfach an die Spiegelzelle angeschraubt – die Schrauben dafür sind auch gleichzeitig die Schrauben zum abschließen der Box im Reisezustand
Der gesamte Zusammenbau und sogar das Justieren des Hauptspiegels geschieht mit dem selben Tool (Ikea-Schlüssel)

Also machen wir mal einen kompletten Aufbau des Teleskops zusammen durch:

Hier steht das Teleskop im „Reisezustand“.  Eine Seite der Kiste ist komplett mit Ebony-Star überzogen – das sieht einerseits schön edel aus, andererseits ist das natürlich die Gleitfläche für die Bewegung des aufgebauten Teleskops. Diese Fläche ist nämlich die Unterseite der Rockerbox. Hier sieht man auch die Schrauben mit denen die Kiste verschlossen werden à diese werden später für die  Befestigung der Höhenräder an der Spiegelzelle genommen…  Auf der anderen Seite der Kiste sieht man noch die Teflonfüsse auf der die Rockerbox gleitet.  Also die Außenschale des Koffers ist gleichzeitig der Fuß des Teleskops im aufgebauten Zustand ;-)

 

Nun machen wir die Kiste einmal auf und schauen hinein:

 

 

Hier sieht man ganz schöne wie die Einzelteile sich zusammenfügen im inneren des Koffers.  Der Hut (ein einziger „Ring“) wird auf der Spiegelzelle gelegt, die Spiegelzelle in die Rockerbox, die Höhenräder kommen an die Innenseite der Rockerbox, die Rockerbox wird dann letztendlich in den Standfuss geschoben – fertig.   Hier sieht man schön wie Alles übereinander liegt:

 

 

Auch hier zu sehen ist wie die Außenschale des Koffers befestigt wird.  Ich habe diese sternförmigen „Dinger“ (keine Ahnung wie sie heissen) an der Seite der Rockerbox befestigt – sie haben innen ein M6 Gewinde.  Damit können die Schrauben (sieht man links neben der Kiste) mit der Hand festgezogen werden.  Als OAZ habe ich mich für die Lampenfassungsversion entschieden.  Das funktioniert extrem gut und kostet schlappe 2 EUR beim OBI.  Am liebsten hätte ich den HC-1 (helikal Fokussierer) genommen, der hätte aber gleich mehr gekostet als das restliche Projekt. Ich habe nämlich um die 50EUR insgesamt beim OBI für den Umbau ausgegeben… Der HC-1 kostet 2x so viel.

 

 

Jetzt fangen wir mal an das Teleskop aufzubauen – zunächst wird die Rockerbox auf den Standfuss (also Außenschale des Koffers) mit einer einfachen M8 Schraube befestigt.  Der Standfuss hat auch ein M8-Gewinde drin, also kein Werkzeug notwendig. Einfach reinschrauben, fertig.

 

 

Das Teleskop habe ich im 3-Stangen-Design gebaut.  Inspiration habe ich mir dabei von Albert Highe geholt, natürlich aber auch von unserem Harry Feigel (im Astrotreff genannt FHarry) der hier auch ein 3-Stangen Kisten-Dob präsentierte (link…)  Die Stangen sind aus Alu und stammen, wie Alles Andere auch, vom OBI.  Es sind die 16mm Alustangen die jeweils an beiden Enden mit Dübel bestückt wurden.  In die Dübel werden Schrauben reingedreht, der Dübel breitet sich aus und lässt somit die Schraube nicht wieder locker bis sie rausgedreht wird. So wird der Hut am oberen Ende und die Spiegelzelle am unteren Ende mit einander verbunden. Das Ganze braucht nicht viel Kraft und ist innerhalb von 1-2 Minuten vollbracht.  Schon wieder braucht man hier nur noch den Ikea-Schlüssel.

 

 

OK – aber bevor ich das aufgebaute Teleskop zeige – hier machen wir einen ganz kleinen Detour.  Wir schauen uns die Speigelhalterung an.  Ich habe ganz einfach die Speigelhalterung vom C6-N genommen und auf 3 Schrauben mit Feder gesetzt.  Die einfachste Art eine justierbare Spiegelfassung zu machen… 

 

 

OK – jetzt können wir uns das aufgestellte Teleskop anschauen:

 

 

Die Optik ist ein 150/750 Spiegel – der ist nicht besonders schwer und durch die kurze Brennweite würde man eigentlich eine sehr tiefe Sitzposition erwarten.  Um dieses Problem zu umgehen habe ich eben die Außenschale des Koffers zum Standfuss gemacht. Damit gewinnt man ein wenig an Höhe und Leute wie ich (1,90 Meter) können relativ bequem auf einem kleinen Hocker sitzen und beobachten ohne Rückenschmerzen ;-)) Um auf das Gewicht des Hauptspiegels zu kommen:  selbst mit dem recht leichten Oberteil lässt sich das Teleskop leider nicht ohne Nachhilfe balancieren.  Ich habe mich deshalb für die Lösung mit Gummibänder entschieden.  Diese Bänder sind sehr stabil und leiern nicht so schnell aus.  Sie werden üblicherweise für Gepäckträger und Ähnliches genutzt. 

 

 

Alle Holzteile sind aus 9mm Birke multiplex, der Hut ist aus 15mm, die Höhenräder ebenfalls. Diese wurde aus dem Mittelteil des Huts (also das was weggeschnitten wurde) gemacht: einfach das Ausgeschnittene halbiert, fertig ;-) 

Dabei habe ich Ideen wie der Weltmeister von allen anderen Weltmeistern "geklaut".  Als da wären:

- Hofheim Instruments

- Stathis

- Albert Highe

- Den Deepsky-Brüdern

- Harry Feigel

- Sylvio Hertli

Viele coole Ideen von Allen sind in das Werk eingeflossen und im Urlaub machte sich das
Gerät echt gut auf meiner Balkon-Sternwarte ;-)) Über das Seherlebnis brauch ich nicht viel zu schreiben – es existieren genug Berichte über den C6-N.  Ich sage nur: eine 6“ Deepsky-Kanone im Urlaub ist einfach geil.  Punkt.  Und die Schlepperei hält sich echt in Grenzen. Aufgebaut ist das Teleskop innerhalb von 10 Minuten – und es bleibt dann im Urlaub im aufgebauten Zustand, also kein Thema mit schnell rausstellen und abspechteln.  Tubus-Seeing?  Nix da. Extra viele Kontrollen am Flughafen? Aber hallo!  Das Ding wurde mehrmals auf Sprengstoff getestet – da muss man jedes Mal erzählen, dass es ein Teleskop ist.  Die Meisten haben noch nie ein „richtiges“ Teleskop gesehen – da soll man einem Kontrolletti am Flughafen erklären, dass diese Holzkiste mit eine Laser-Zielvorrichtung absolut ungefährlich ist ;-))

 

Greetz,

Jacko